Pressetexte

Interview für das spanische Berg-Magazin OXIGENO
geführt von:  Meritxell-Anfitrite Álvarez Mongay
Übersetzung: Stefanie Kiechle

Während der Alpenüberquerung treffen wir auf eine geheimnisvolle Holzpforte, in mehr als zweitausend Metern Höhe, verwaist ohne Gebäude, ohne weiteres Mauerwerk außer der abstützenden Landschaft.
Uns überfällt bei ihrem Anblick ein befremdliches Staunen, allein inmitten der Natur, majestätisch in ihrer ungehobelten Bescheidenheit. Eine plötzliche Neugierde zwingt uns, den Marsch anzuhalten und uns über ihre Türschwelle hinauszulehnen.
Welch Taktlosigkeit, auf der anderen Seite, wenn man bedenkt...ein Moment der Erwartung.
Man hört nur, etwas aufgeregt, unseren Atem, und den Wind, der mit einem Hauch an dem Türknauf zieht und uns eine wundervolle Welt hinter dem Türsturz offenbart: steile Gipfel, die unermüdlich der Sonne entgegen klettern, tiefgründige Täler und Seen, die uns das Herz einfrieren. Selbstvergessen im eigenen Pulsschlag, haben wir bis jetzt noch nicht die Schönheit bemerkt, die ringsherum um uns pulsiert.
Eine Schönheit, durch die sich der deutsche Künstler Guenter Rauch inspirieren lässt.
Er lebt und arbeitet in Kempten, die Hauptstadt der Allgäuer Alpen, und hat sich seine Heimatberge als Museum unter freiem Himmel auserwählt, um eines seiner neuesten Landart-Projekte zu beheimaten: das Projekt PORTA ALPINAE (alpinien.de), eine Ansammlung von Torbögen und Pforten, entlang der Alpen verteilt, die uns einladen, mit der Natur in Dialog zu treten und uns in Bescheidenheit und Achtung für eine andere Schöpfung zu vertiefen. Packt den Rucksack, um es / ihn kennenzulernen!
 
> Bild Seite 2: Seit vierzig Jahren versucht der deutsche Künstler Guenter Rauch, in Einklang mit der buddhistischen Philosophie zu leben und sie auf seine künstlerische Arbeit anzuwenden. "Mit dem Projekt Porta Alpinae möchte ich den Menschen gerne die Grundlagen des Zen nahebringen."
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> Zitat Seite 3/84: "Über die Berge zu wandern, öffnet unsere Seele der Natur und macht uns viel empfänglicher für alles, was uns umgibt."
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> O2: Es ist überraschend, über die beeindruckenden Berge zu wandern und plötzlich auf eine einzelne Pforte auf dem Weg zu treffen. Wohin führt es uns, wenn wir sie öffnen?
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 G. R.: Über die Berge zu wandern, öffnet unsere Seele der Natur und macht uns viel empfänglicher für alles, was uns umgibt. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass wir eine neue Welt hinter diesen Pforten entdecken...eine neue innere Welt.
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O2: Das klingt alles sehr nach Zen...
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G. R.: Gut, seit mehr als vierzig Jahren versuche ich, in Einklang mit der buddhistischen Philosophie zu leben und deren Prinzipien auf meine künstlerische Arbeit anzuwenden. Mit dem Projekt Porta Alpinae möchte ich gerne den Menschen die Grundlagen des Zen nahebringen, aber ohne pädagogischen Anspruch. In diesem Fall, eine Pforte ohne Ziel, ein Tor, das kein Eingang in eine Wohnung, in ein Haus ist...in keinen Ort, sondern in eine befremdliche und unbekannte Umgebung, uns wirft sich das gleiche Paradoxon wie ein "koan" auf - eine Anmerkung für die nicht in die Zen-Philosophie Eingeweihten: ein "koan" sind Sätze, Fragen, Geschichten...scheinbare Widersprüche, die die Lehrer den Schülern aufgeben, nicht um diese zu lösen, sondern um über diese zu meditieren - .
 Es ist der Überraschungsmoment, der uns dazu bringt, unsere Aufmerksamkeit gänzlich auf ein Thema zu zentrieren und Fragen hervorzubringen, die nicht einfach beantwortet werden können.
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O2: Wie ist Deine Idee zu dem Projekt Porta Alpinae entstanden?
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G. R.: Alles begann, als ich 2001 an dem Kunstwettbewerb "Church dreams" mit einem riesigen inmitten einer Kirche installiertem Holz-Bogen teilnahm. Die Idee bestand darin, dass die Kirchengemeinde diesen als Symbol des spirituellen Übergangs durchschritt. Dies ist ein Motiv, das mich seitdem fasziniert. Daher, als die Schutzhütte von Frederick Simms zehnjähriges Jubiläum feierte - eine zauberhafte Hütte mit tibetischem Anklang in den Lechtaler Alpen, im Jahr 1907 erbaut (simmshuette.com) - wollte ich das Jubiläum mit einem neuen dort errichteten Torbogen feiern. Aber in 2000 mtr. Höhe ist es schwierig, geeignetes Holz in den Größenordnungen dieser Pforten zu finden - in der Regel messen sie 3 Meter in der Höhe und 2 Meter in der Breite - daher transportierten wir die Holzbalken mit einer freiwilligen Mannschaft aus Helfern und Freunden bis zum Gipfel.
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O2: Die Pforte von Frederick Simms war also die erste, die Du installiert hast...
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 G. R.: Ja, nach vielen Vorbereitungen schließlich im Jahr 2009. Aber es ist kein Leichtes, ein Künstlerprojekt in den Alpen durchzuführen! Allein für den Materialtransport muss man einen Tross von Freiwilligen koordinieren...Die Pforte am Waltenberger-Haus, beispielsweise, mussten wir in Teile zwischen 30 - 40 kg aufteilen und diese bis in 2.084 mtr. Höhe, wo sich diese Hütte befindet, hinaufschaffen. Nach sechsstündiger Wanderung, mit diesem Gewicht beladen, verzapfen wir diese unter Verwendung traditioneller Zimmererkunst. Abgesehen davon, die ganze Bürokratie, um den Alpenverband, Bürgermeister, Tourismusbüros, Anlieger, Hüttenwirte, Jäger von den Vorteilen des Projektes zu überzeugen. Nicht zu vergessen - all diese Genehmigungen einzuholen, da viele der Pforten in Naturschutzgebieten liegen, wie die in den Allgäuer Alpen - auf spanisch "Algovia" - oder im Naturpark Lechtal.
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O2: Wie wählst Du den Standort der Pforten aus?
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G. R.: Es muss ein besonderer Ort sein, mit Kraft, rein, vital, wo eine bestimmte Spiritualität spürbar ist. Ich kenne viele dieser Orte, außerdem erhalte ich laufend Vorschläge für neue Plätze. Sowieso ist das Wichtigste, auf die Unterstützung der Leute zu zählen, denn ich möchte keine Pforte aufstellen, wo sie nicht willkommen ist. Vor allem, da die Geschichte jeder Pforte auch die Geschichte jener Personen ist: Die Geschichte eines hundertjährigen Bauernhofes, oder eine durch eine Lawine zerstörte Berghütte, aus einer in Trümmern liegenden und verwucherten Kapelle in Italien...Wir verwenden dieses Material für die Balken wieder. In diesem Sinn ist das Projekt Porta Alpinae auch als ready-made zu verstehen.
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 O2: Wieviele Pforten hast Du bis heute installiert?
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G. R.: Bislang 25. Aber dennoch gibt es einige, zum Beispiel die in Trient / Italien oder die in meiner Geburtsstadt Kempten, die als kurzzeitige Installation geplant waren. Obwohl, tatsächlich haben alle einen kurzzeitigen Aspekt, im Sinne von dass sie den Lawinen, dem Regen, den Stürmen ausgesetzt sind...auch dem Vandalismus der Rinder! Jungrinder, die manchmal einen Schaden nach dem anderen verursachen...aber, wer kann sie beschuldigen? Ich bin glücklich, wenn ich sehe, dass die Pforten einen weiteren Winter überstehen. Und dieser flüchtige Charakter ist nicht mehr als ein Spiegel der Vergänglichkeit unserer eigenen Leben, und ich akzeptiere, dass man nichts dagegen tun kann.
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O2: Beabsichtigst Du demnächst weitere Pforten aufzustellen?
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G. R.: Diesen Sommer möchte ich drei weitere errichten: eine in Südtirol in der Nähe der Sesvenna-Hütte in 2.256 mtr. Höhe; eine andere in Scheidegg, Deutschland, im Gedenken an 70 Jahre Frieden in Europa, und eine weitere an einem Panoramarundweg der Stadt Jungholz im österreichischem Tirol.
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 O2: Die idyllischen Allgäuer Alpen! Diese natürliche Landschaft, gewissermaßen durch Deine Arbeiten verändert...
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G. R.: Ja, aber immer mit Achtsamkeit und Respekt der Umwelt gegenüber: ich verwende keine Betonfundamente, kein maschinell gefertigten Eisenfiguren und keine Hubschrauber, um das Material in die Berghöhen hinaufzuschaffen...mein Grundsatz ist, nicht eine einzige Blume im Namen der Kunst zu opfern.
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 O2: Und wie lässt sich der Respekt für die Natur mit dem Bergtourismus kombinieren?
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G. R.: Das ist eine sehr komplizierte Frage...Das an den Massentourismus gerichtete Angebot steigt von Tag zu Tag, die Berge in einen Abenteuerpark verwandelnd, mit Schlittenabfahrten, Hochseilgarten,  Klettersteigen, usw.
Dieser Betrieb verträgt sich nicht mit der Natur, im Gegenteil, es stellt ein ernsthaftes Problem für die Umwelt und unsere Zukunft dar. Aber die westliche Gesellschaft ist derart gesteuert, dass sie dies akzeptiert oder nicht zu bemerken scheint.
Wir bieten der Natur an, dem Kapitalismus ein Opfer zu bringen, entstanden aus dem Versprechen von Wachstum und Wohltätigkeit - als ob sie ein weiteres Produkt wäre, dass man verkaufen und kaufen könne, und das der Tourist hier in den Alpen konsumieren könne, auf die gleiche Weise, wie er morgen nach Las Vegas reisen oder im Roten Meer tauchen würde.
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O2: Du wurdest kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geboren. Wie haben sich die Alpen in den letzten Jahren verändert?
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G. R.: Sehr schnell! Alles begann vor fünfzig Jahren. Plötzlich waren wir von einem Tag auf den anderen von Leuten aus der Großstadt umringt, alle bepackt mit Rucksäcken geschnürt zum Aufstieg und immer mit der neuesten Outdoor-Bekleidung ausstaffiert...Heute sind wir Fremde in unseren eigenen Bergen. Du triffst Mengen von Touristen auf den Wanderwegen und den Berggipfeln; die Hütten gleichen Hotels mit Selbstbedienungsrestaurant, in die man sich einfach mit Liftkarten einloggen kann....Und vieles davon wurde mit den Fonds der Europäischen Union bestritten, die für eine Weiterentwicklung der Land-und Forstwirtschaft bestimmt wären, mit denen man aber Autobahnen, passend für Autobusse und Transporter, in vorher völlig abgeschiedenen Tälern errichtete - damit sie sich am Wochenende mit besessenen Jägern und VIP - Touristen füllen.
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O2: Könntest Du ohne Berge leben?
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G. R.: Ich muss in der Nähe der Natur leben, und ich brauche die Energie der Berge als Inbegriff von Gleichmäßigkeit und Ruhe. Sie haben mich auf meinen Wegen inspiriert. Und nicht nur bei diesem Projekt. Mir gefällt auch Traumberge auf der Leinwand oder auf Papier zu erfinden, mit der Gewissheit, dass sie an irgendeinem Ort existieren. Dennoch kann ich mich als Künstler auch am Meer inspirieren. In der Tat - ich habe in der Region Ligurien in Italien eine Pforte mit Blick aufs Meer errichtet.
Ich verbringe gerne Urlaube an wunderschönen Stränden und ich war mehrmals auf Teneriffa beim Surfen. Aber es sind die Berge, wo ich den Sinn des Mensch-Seins finde. Und es ist hier, in den Alpen, wo ich den Rest meines Lebens verbringen möchte.